INTERVIEW MIT MARTIN WARNKE

Foto: Prof. Dr. Martin Warnke

Wie kam es zu der Idee von dem Seminar bzw. woher kommt die Faszination für das Thema?

Wladimir Velminski und ich ordnen das Thema der Computersimulation zu, schließlich wird der Gang eines Tieres simuliert. Neben dem Simulationsaspekt, hat es noch einen Visualisierungs- und Darstellungsaspekt. Wladimir war ein Jahr lang Fellow am MESC, das ist unsere Kolleg-Forscher-Gruppe, die sich mit den Zusammenhängen von Kultur und Computersimulation beschäftigt. Seine Aufgabe war es, das mathematische Paper aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen, wobei ich ihm letztendlich half. Dabei kam uns die Idee darauf eine Ausstellung aufzubauen, die wir zusammen mit Studierenden gestalten.

Und daher kommt also auch die Zusammenarbeit mit Herrn Velminski?

Na, den Wladimir Velminski kenne ich schon länger. Er ist ein bekannter Wissenschaftler, der zwischen Kunst und Mathematik unterwegs ist. Ein Wissenschaftler mit  der speziellen Ausrichtung auf Osteuropa, weil seine Muttersprache russisch ist und ihm die Dokumente zugänglich sind. Die jemandem wie mir, der nur ansatzweise russisch lesen und sprechen kann, nicht zugänglich wären.

Inwiefern sind die Simulation der Katze und der dazugehörige Text heute von Bedeutung?

Der Text ist aus medienhistorischer und wissenschaftshistorischer Sicht interessant, weil er die Herangehensweise dokumentiert, die angewandt wurde, bevor man Anwendungsprogramme für Animationen hatte. Das, was die Wissenschaftler damals von Grund auf neu erfinden mussten, ist mittlerweile längst Teil von marktgängigen Computeranimationsprogrammen. Man kann sozusagen hinter das Getriebe gucken. Man lernt, was eigentlich erforderlich ist, um eine Gestalt zu animieren, woran man denken muss. Außerdem ist es tatsächlich auch als rechnerhistorisches Dokument interessant, denn in dem Papier wird genau beschrieben, dass man mit den Ressourcen sehr sparsam umgeht, weil die Geräte natürlich noch sehr klein waren. Physisch groß, aber von der Leistungsfähigkeit, besser gesagt der Speicherfähigkeit, her kleiner. Es beinhaltet also mehrere historische Aspekte. Hinzukommt die lustige Koinzidenz, dass Katzenvideos so beliebt sind im Internet. Das war natürlich weit vor jedem Internet.

Wer soll angelockt werden durch die Ausstellung?

Eine interessierte Öffentlichkeit aus dem Bildungsbereich und aus dem Kunstsektor. Es ist zwar keine Kunst, aber wir wollen das visuelle Dokument die Ausdruckrolle so inszenieren, wie man das auch mit einem Kunstwerk täte. Der Wladimir ist bekannt als jemand, der Ausstellungen macht. Das ist eigentlich nichts Außergewöhnliches, der hat sicherlich seinen eigenen Fanclub, der kommen wird. Und natürlich Sie als Studierende die mitgewirkt haben und ihre Bekannten, Freunde und natürlich Kollegen, die wollen wir alle hierher locken.

Also keineswegs nur Studierende?

Richtig.

„Ein Programm, das einen Mechanismus modelliert und eine Animation darüber zeichnet“ – was genau bedeutet dieser Satz?

Der Satz beschreibt die beiden Hauptphasen dieses Projektes. Da haben wir zuerst mal die Modellierung eines Organismus, in diesem Falle ist es das reduzierte Skelett einer Katze. Das Modell dieser Katze besteht aus Klötzchen. Der Rumpf ist ein Klötzchen, der Hals, der Kopf, der Schwanz. Alle vier Beine sind jeweils aus einzelnen Klötzchen zusammengesetzt. Modellieren bedeutet, dass man Stellgrößen und Variablen vorsieht, die beschreiben wie die Lage dieser Klötzchen zueinander ist, insbesondere, dass sie diese an den Gelenken zusammenhalten und Bewegungen mitmachen. Ein wesentlicher Teil ist das, was man in der Computeranimation eine Inverse Kinematik nennt. Das bedeutet, dass wenn z.B. die Katze das Vorderbein hebt, sich die Pfote mit bewegen muss. Das muss nicht gesondert hinzu programmiert werden. Durch die Art der Modellierung, die dafür sorgt, dass die Koordinaten relativ zum darüber liegenden Glied definiert sind, erreicht man, dass das Skelett, die ganze Katze zusammenhält und die Bewegungen so ausführt, wie sie auch eine physische Katze machen würde. Das ist der Modellierungsaspekt, der wiederrum auch enthält, dass es eine gleichförmige, gleichmäßige Bewegung gibt, nämlich die der Pfote auf dem Boden. Die Katze schiebt sich nach vorne wenn die Pfote auf dem Boden ist. Sie hebt die Pfote an und macht eine runde Bewegung und setzt wieder vorne auf. Das wird bis in alle Einzelheiten mit bestimmten Modellierungsmitteln animiert, die in der Wissenschaft als Differentialgleichungen bekannt sind. Die wiederrum garantieren, dass es sich um eine gleichmäßige runde Bewegung handelt. Dann gibt es den Darstellungsaspekt, sprich bei dem, was dort modelliert worden ist handelt es sich zunächst nur um mathematische Größenkoordinaten. Diese Größenkoordinaten müssen abgebildet werden. Das heißt es muss eine berechnete Projektion geben. Der Schattenwurf der Katze muss visualisiert werden. In dem Projekt hat man dazu den damals üblichen Drucker genutzt. Es handelte sich dabei um einen Schnelldrucker, der viele Zeichen auf einmal auf ein grün-weiß gestreiftes Papier drucken konnte. Dazu hat man den kyrillischen Buchstaben genommen, der die größte Schwärze hat, nämlich das „Sche“ (Ш). Man hat also den Schatten als Abdruck eines möglichst schwarzen Buchstabens auf Papier erzeugt. Das ist eine extra Aufgabe, die es zu berechnen gilt. Das ist der zweite Teil des Titels.

Haben Sie eine Vermutung warum eine Katze genommen wurde oder ist das unbekannt?

Tja, da kann ich ja nur spekulieren. Ich als Katzenliebhaber finde sie sind schön anzusehen. Sie sind irgendwie elegant. Gerade im ländlichen Raum hat jeder Russe eine „Datcha“. Vielleicht hatten sie auch in der Wohnung eine Katze, weiß ich nicht. Es gibt wenigstens eine Vermutung, die wir ja auch mit ausstellen, warum so etwas, das keinen vordergründigen Nutzen hatte, überhaupt geschehen konnte. Die Gerätschaften sind sehr teuer und waren sehr beliebt. Das lag vermutlich an der damaligen politischen Situation, in der es in der Gemeinde der Mathematikerinnen und der Mathematiker zum Widerstand kam. Viele  sind ins Gefängnis und ins Irrenhaus gewandert, sozusagen als Strafmaßnahme. Die Labors standen leer. Wie konnte man es sich dann also leisten so etwas zu machen? Das waren Leute die sonst in der Betreuung der Russischen Mondlandung tätig waren, bei der es ähnliche mathematische Probleme zu lösen gab. Die haben einfach ihr Handwerkszeug angewendet auf einen vordergründig nutzlosen Gegenstand. Tja, warum? Vielleicht gab es Leerlauf? Ich weiß es nicht.

Also eine Erfindung aus Zufall?

Ja, ich habe so den Eindruck.

Was glauben Sie oder was hoffen Sie nehmen die Studierenden aus dem Seminar mit?

Naja, es gibt die historischen Aspekte die spannend sind: was ist die Entstehungsgeschichte von Computeranimation? In Zeiten, in denen unglaublich viel visuell simuliert wird, ist das schon mal ein Wert für sich. Dass wir alle ein bisschen Rechnergeschichte mitbekommen, eine Rechnergeschichte die nicht so bekannt ist, nämlich die Russlands, das ist sicherlich auch interessant. Zu lernen wie man ein Ereignis oder eine Ausstellung organisiert, das ist auch etwas, was dabei anfällt. Das sind lauter Lernziele, die gut in den Digitalen-Medien-Bereich passen.

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